Elvis

Die Gänsehaut, als ich Elvis als Sechsjährigen das erste Mal habe schweben sehen, werde ich nie vergessen. Da ich damals – 2002 – mitten in den Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft in Jerez steckte, habe ich ihn zunächst zu Heiner Schiergen nach Krefeld gestellt. Die beiden kamen schnell gut miteinander aus, und so schaffte Elvis die Qualifikation fürs Bundeschampionat. Daran hat er aber nicht teilgenommen, da ich zu dieser Zeit in Jerez war.

Nach einer Turnierpause ging er unter Heiner Schiergen im März 2004 seine erste S-Dressur, die er gleich mit Abstand gewann. Auch meine eigene Turnierpremiere mit Elvis wurde auf Anhieb zum Triumph. Beim CDI Lingen qualifizierten wir uns im Sommer 2004 mit bis dato einmaligen 75,44% für das Finale des Nürnberger Burg-Pokals, das wir im Dezember in der Frankfurter Festhalle mit der Rekordnote von 81,17 Prozent gewannen. „Ein solches Pferd hatten wir noch nicht gesehen – das war auch für uns einfach nur WOW!“, hat mir kürzlich noch jemand aus dem damaligen Richterkollegium gesagt und damit auch mein Reitgefühl bei diesem Auftritt in Frankfurt auf den Punkt gebracht. Elvis war von Anfang an ein ganz besonderes Pferd, ein echter Star! Und als er die weihnachtlich geschmückte Festhalle passagierend verließ, bekam das Publikum schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was dann im Großen Sport folgen sollte.

Klar, dass wir 2005 gern nach Lingen zurückgekehrt sind: Hier gewann Elvis seinen ersten Grand Prix, bevor er im August erstmals die Luft in der Soers schnuppern durfte. In der CDI-Tour belegte er Platz drei im Grand Prix und konnte im Special auftrumpfen, den er mit 73,72% und damit mit deutlichem Abstand gewann.

2006 war das Jahr, auf das wir hingearbeitet hatten, denn natürlich wollte ich meine Weltmeistertiel aus Jerez in meiner Heimatstadt verteidigen. Beim CHIO gelang Elvis der Hattrick, alle drei Dressurprüfungen zu gewinnen. Hier ging Elvis auch zum ersten Mal in seinem Leben eine Kür – selbstverständlich zu Musik des „King of Rock'n'Roll“. Die Herzlichkeit des Publikums, die uns für unsere kleine Tanzdarbietung bei strahlendem Sonnenschein entgegenschlug, war überwältigend – so etwas gibt es nur in Aachen. Dann wurde es richtig spannend: Auf den Sieg im Großen Preis von Aachen folgte bei den Deutschen Meisterschaften in Münster die lange erhoffte Berufung ins deutsche WM-Team, das diesmal nicht unbedingt als Favorit gehandelt wurde und dennoch Gold gewann. Für die deutsche Mannschaft war es die zehnte WM-Goldmedaille in ununterbrochener Folge; für mich das dritte Teamgold. Die Teilnahme an dieser WM der Superlative werde ich nie vergessen.

Doch nach dem Championat ist ja bekanntlich vor dem Championat, und das nächste große Ziel nach der WM in Aachen waren die Olympischen Spiele in China im August 2008. Auch hier konnte ich mit Elvis für Deutschland starten und mit der Mannschafts-Goldmedaille mein zweites olympisches Edelmetall erringen. Auch die Liste unserer anschließenden internationalen Erfolge ist lang und schillernd.

Als ich im Dezember 2012 mit ihm Dritte in der Weltcup-Kür in Mechelen wurde, hätte ich nie gedacht, dass dies sein letzter Auftritt im Sport sein würde, und auch bei unserem Auftritt mit Klaus Balkenhol auf der Equitana hat er das Publikum noch von den Stühlen gerissen. Leider stellte sich kurz darauf ein Hufproblem ein, dessen Behebung sich als langwieriger Prozess erwies – zu langwierig, um Elvis danach noch einmal für den Leistungssport anzutrainieren.

Etwas unerwartet habe ich also im August 2013 mitten in der Saison innegehalten und auf acht Jahre voller Erfolge zurückgeblickt, die ich mit diesem Pferd feiern konnte. Ich bin Elvis dankbar für die große Rolle, die er in meiner sportlichen Laufbahn gespielt hat, und für das Reitvergnügen, das die Arbeit mit ihm an jedem einzelnen Tag gewesen ist. Ab jetzt wird ihm unsere Shetty-Stute Barbie auf dem Paddock die Tatsache versüßen, dass er nicht mehr im LKW mit zum Turnier fahren kann. Und ich freue mich nach wie vor täglich darauf, in seinen Sattel steigen zu können, um ihn weiter fit zu halten – und auf gemütliche Ausritte über den Hügel hinter unserem Hof.
Elvis kann sich gewaltig bewegen, er hat immer gern gearbeitet und gelernt, und er verliert nie die Nerven – vielleicht gibt es das perfekte Turnierpferd nicht, aber Elvis kommt ihm sehr, sehr nahe.

 Bilder von Elvis